Gottesdienste

01.08.2010 um 10.30 Uhr,
St. Marienkirche:
Gottesdienst mit Abendmahl; Predigt: Dr. B. Höcker

01.08.2010 um 18.00 Uhr,
St. Marien-Marienkapelle:
Gottesdienst mit der anglikan. Gemeinde St. Georges (in englischer Sprache)

08.08.2010 um 10.30 Uhr,
St. Marienkirche:
Gottesdienst zum Israelsonntag; Predigt: M. Marquardt

15.08.2010 um 10.30 Uhr,
St. Marienkirche:
Gottesdienst mit Abendmahl; Predigt: J. Muhs

Veranstaltungen

01.08.2010 um 19.00 Uhr,
Parochialkirche, Klosterstr. 66:
"Ich bin die Torheit " - tanztheater mascoto

06.08.2010 um 19.30 Uhr,
Kirchenforum (Klosterstr. 66):
Feature-Zeit: Fragen an Arno Schmidt

08.08.2010 um 15.00 Uhr,
St. Marienkirche:
"Sonntagskonzert - Capriccio Italia"-Berliner Meistersolisten

22.08.2010 um 15.00 Uhr,
St. Marienkirche:
"Sonntagskonzert - MOZART meets SCHUBERT"

Presse

 

 

 

 

Hier finden Sie Zeitungsberichte und Audiodateien zu Themen der St. Petri - St. Marien-Gemeinde.

          
SONNTAGS um zehn

Mut zum Singen

Gottesdienst zum 400. Geburtstag von Paul Gerhardt
Von Gunda Bartels

„Wat, schon vorbei der Gottesdienst?“, wundert sich eine Frau, die um viertel nach zehn vor der Marienkirche am Alex steht und die herausströmenden Menschen sieht. „Nu seh’ ick ja alt aus“, sagt sie und dreht Richtung Fernsehturm ab.
Wer ins Fernsehen will – und sei es nur als Kirchgänger – muss früher aufstehen. Schon um neun ist in der Kirche Hochbetrieb. Das ZDF überträgt den Festgottesdienst zum 400. Geburtstag des barocken Kirchenlieddichters Paul Gerhardt live. Es ist der sakrale Höhepunkt der Gerhardt-Festspiele, die das ganze Jahr über, aber besonders zum Geburtstag am 12. März, mit vielen Ausstellungen, Vorträgen und Konzerten in Berlin und Brandenburg laufen. Und damit die Kulisse in St. Marien stimmt, wird mit rot-weißen Absperrbändern in den Bankreihen dafür gesorgt, dass sich das Kirchenschiff ordentlich von vorne nach hinten füllt. Die evangelische Landeskirche hat alles aufgeboten, was gut klingt und aussieht: Bischof Wolfgang Huber und das junge Pastorenteam der Marienkirche, die in ihrem rot-weißen Ornat wie Frühlingstulpen auf dem Felde erscheinen. Außerdem dabei: die innig rezitierende Schauspielerin Bärbel Röhl, süße Chorknaben, strahlende Bläser, feingemachte Schüler des Grauen Klosters, Domchor und Marien-Kantorei und der Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel. Er trägt seine von Paul Gerhardts Liedern inspirierten Texte zu Akkordeon und Gitarre vor und wippt dazu kämpferisch mit den Locken.
Der Choral „Ich singe Dir mit Herz und Mund“ ist Herz und Rückgrat des Festgottesdienstes. Gemeinde, Honoratioren wie Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und Berlins Innensenator Ehrhart Körting, Musikanten und Sprecherin deklinieren gemeinsam alle 18 Strophen durch. Sich ein Gerhardt-Lied mit all seinen starken, poetischen Bildern richtig anzueignen, ist die beste Idee in diesem straff inszenierten Fernsehereignis. „Es ist Zeit, wieder Mut zum Singen zu fassen“, sagt Bischof Huber in seiner Geburtstagspredigt. Wer mit Herz und Mund singe, bewege nicht nur die Lippen, sondern auch die Seele und erkenne: „In diesem Lied liegt mein ganzes Leben.“ Die Lieder Paul Gerhardts mit ihrer tiefen Hingabe seien ein großes Glück. „Singen macht von innen weit“ und öffne neu fürs Leben.

Erschienen im Tagesspiegel, 12. März 2007 

 

Der Ursprung der Stadt

Archäologen graben Fundamente der Petrikirche aus und hoffen auf spektakuläre Funde
Von Uwe Aulich
MITTE. Berliner Archäologen haben eine ungewöhnliche Reise vor sich: Sie wollen an der Gertraudenstraße in den Berliner Untergrund vordringen und den wohl historisch bedeutsamsten Ort der Stadt erkunden. Denn genau dort, wo sich heute neben dem neuen Hochzeitshaus die Parkplätze befinden, stand die 1285 erstmals urkundlich erwähnte Kirche der Stadt - die Petrikirche. Doch vermutlich gab es schon um 1200 einen Vorgängerbau, die Petrikirche ist damit die älteste der Stadt. "Wir werden die Fundamente freilegen und wollen einen Friedhof finden, auf dem die ältesten Bewohner Cöllns beigesetzt sind", sagt Chefdenkmalpfleger Manfred Kühne. Die Arbeiten haben gestern begonnen, sie sollen in etwa einem Jahr abgeschlossen sein.
Bis zu vier Meter tief wollen die Archäologen graben. Weil bereits zu DDR-Zeiten dort gesucht wurde, werde man wohl nicht auf Gold stoßen, so Kühne. Spektakuläres erwarten die Denkmalpfleger dennoch. "Wir hoffen, unter den vermutlich fünf Fundamenten der Kirche Aufschluss darüber zu finden, wie die Menschen um 1200 gelebt haben." Die Arbeiten im Erdreich können von Passanten zunächst durch kleine Gucklöcher im Bauzaun verfolgt werden.
Die Grabungen sind aber nur der Beginn, die Fläche zwischen Scharren- und Gertraudenstraße neu zu gestalten. Im Zentrum soll wieder der "Petriplatz in seiner historischen Form angelegt werden", sagt Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. Je nach Fund werden dabei die Ergebnisse der Grabungen in die Gestaltung des Platzes einbezogen, zum Beispiel die Fundamente. "Die mittelalterliche Struktur wird hier wieder sichtbar gemacht", sagt die Senatsbaudirektorin. Schließlich seien im Krieg etwa 20 Kirchen in der Innenstadt zerstört und dann abgerissen worden. Am künftigen Petriplatz sollen nach Plänen des Senats zwei neue Wohn- und Geschäftshäuser errichtet werden. Eines der Häuser entsteht Ecke Breite Straße - genau an der Stelle, an der früher das Cöllner Rathaus stand. Laut Hilmar von Lojewski von der Stadtentwicklungsbehörde gehört der Petriplatz zum Konzept für die Neugestaltung des Gebiets rings um den Spittelmarkt. Zunächst soll das Ebbinghaus abgerissen, später die Lindenstraße bis zum Petriplatz verlängert und die Gertraudenbrücke verlegt werden.
Berliner Zeitung, erschienen am 6. März 2007

Cha-Cha-Cha mitten im Gotteshaus

Die St. Marienkirche thematisiert das Leben

Das junge Mädchen lässt lasziv ihren Arm um den Hals des Tanzpartners gleiten. Dann eine schnelle Drehung, ein Hüftschwung - Cha-cha-cha. Dazu singt Jennifer Lopez "Let's get loud". Über dem Tanzpaar wölbt sich das gotische Deckengemäuer der St. Marienkirche am Alexanderplatz. Am Sonntagabend fand der Auftakt der Abendgottesdienstreihe "Leben!" statt. Der Eröffnungsgottesdienst widmete sich dem Thema "Leben feiern" und setzte das Motto danach in die Tat um: mit einem feierlichen Ball - mitten in der Kirche.
"Die Marienkirche ist der perfekte Ort für so einen Ball", erklärt Pfarrer Gregor Hohberg. Der gotische Stil der Kirche stehe schließlich symbolisch für die Verheißungen des Paradieses, wo das Leben gefeiert wird. Außerdem habe schon Jesus 600 Liter Wasser in Wein verwandelt. "Der Spruch vom Wasser Predigen und Wein Trinken ist eigentlich falsch. Tatsächlich müsste es heißen: Wir predigen Wein und trinken ihn auch", sagte Hohberg am Sonntag gut gelaunt. Die Kirche war voll. "Ein guter Auftakt."
In den nächsten sechs Wochen wird die Reihe fortgesetzt. Jeden Sonntag um 18.30 Uhr gibt es einen Gottesdienst, der das Leben in all seinen Phasen thematisiert. Mit ist stets jemand, der eigentlich nichts mit der Kirche zu tun hat. Zur Eröffnung sprach Heike Albrecht von den Sophiensælen über Lebensfreude. In der nächsten Woche ("Leben zur Welt bringen") wird eine Hebamme erzählen. Erzieher, Polizisten, Notärzte und die Sterbehospiz-Mitarbeiter werden erwartet zu den Themen "Leben an die Hand nehmen" (4. 3.), "Leben schützen" (11. 3.), "Leben retten" (18. 3.), "Ins Leben hinein nehmen" (25. 3.) und in der Abschlussveranstaltung am 1. April geht's um "Leben ausatmen lassen". (alm.)
Berliner Zeitung, erschienen am 20.Februar 2007
 

Charleston vorm Altar

Von Gunda Bartels

Dass in Kirchen getanzt wird, kommt gelegentlich vor. Als Gotteslob oder zur Meditation. Aber ein Ball wie Faschingssonntag in St. Marien nahe dem Alex? „Wir wollten nicht nur übers Feiern reden, sondern auch selber feiern“, sagt Pfarrer Gregor Hohberg. Im Mittelalter seien in Kirchen dolle Sachen inszeniert worden. „Christus-Puppen an Seilen oder brennende Tauben – dagegen war die Volksbühne harmlos.“

Vorweg gab's Sonntag den ersten von sieben Abendgottesdiensten rund um das Thema „Leben“. Und das Auftaktmotto „Leben feiern“ lässt sich am besten tanzend bebildern. Mit einem kessen Charleston von Schülern der Menzel-Oberschule in Mitte. Am Ende des Gottesdienstes fordert Pfarrer Hohberg alle auf, sich an die Tische vorm Altar zu setzen. „Na, gehn wa nach vorn?“, fragt eine Frau um die Fünfzig ihren Mann. „Müssen wa ja“, brummt der und erhebt sich unwillig.

 Fünf Minuten später sitzen die zwei an der Tanzfläche und auch sonst hat keine Massenflucht eingesetzt. Über 150 Leute wuseln herum und warten, was passiert. Buffet und Bar im Seitenschiff sind eröffnet und viele wandeln schon mit dem Weinglas durch die Kirche. Die Schüler-Tanz AG legt gerade eine laszive Rumba aufs heilige Parkett. Begeistert beäugt von drei reifen Damen, die extra aus Wilmersdorf angereist sind. „Wir waren noch nie in der Marienkirche und finden die Idee großartig.“
Bald walzen jede Menge Paare vorm Altar und als leicht geschürzte Oberschülerinnen die Beine beim Cancan in die Luft schleudern, wird eifrig mitgeklatscht. Wie Gemeindekirchenratsvorsitzender Dietmar Wauer die Mädels findet? „Och, solange sie sich nicht erkälten.“ Ein paar Leuten ist die Musik aber auch zu laut und zu unpassend: „Rock'n Roll in der Kirche muss nicht sein“, sagt ein Herr. „Gerade nach dem Zoff um seichte Weihnachtsgottesdienste.“ Etwas klamm beim Gedanken ans Tanzen im Sakralgemäuer war vorher auch Christopher Mohr. Er ist 22 und macht auch als Ex-Schüler noch bei der Tanz AG mit. „Ich hatte vorher ziemlich Ehrfurcht.“ Und jetzt? „Ist's okay, gemütlich hier, gute Stimmung – aber verdammt rutschiger Boden.“ Brigitte Braun aus Wörth an der Donau hat Licht in der Marienkirche gesehen und wundert sich über das bunte Treiben. „Mittanzen würde ich nicht“, sagt die Pfarrersfrau, aber sündig sei es nicht. „Moses hat ja auch vor der Bundeslade getanzt.“ 
Tagesspiegel, erschienen am 20. Februar 2007 

Ballvergnügen in der Kirche Sankt Marien

Ein Ballvergnügen mit Blick auf einen Kirchenaltar inmitten eines Gotteshauses hat es bisher in Berlin nicht gegeben. Am kommenden Sonntag feiert diese neue Art der Gemeindearbeit in der evangelischen Sankt Marienkirche am Fuße der Fernsehturms an der Karl-Liebknecht-Straße 8 Premiere. Auf Initiative des Kirchenrates von Sankt Petri/Sankt Marien wird auf dem "Marienball" zum Tanz gebeten. Neben der Gala-Musik-Tanzband wird Professor Constantin Alex an der Kirchenorgel die Ballgäste auf die Tanzfläche locken. Während der unmittelbare Altarbereich tabu ist, werden ansonsten sämtliche Räume rund um das Kirchenschiff in den "Tanzsaal" integriert.

Pfarrer Gregor Hohberg sieht mit der Veranstaltung eine neue Art des Zusammenkommens im kirchlichen Raum. Als Showeinlagen sind Vorführungen der Tanzgruppe der Menzel-Oberschule (Tiergarten) geplant. Das Ballvergnügen beginnt um 18.30 Uhr mit einem Gottesdienst. Der Marienball ist der Auftakt der Abendgottesdienstreihe unter dem Leitgedanken "Leben". Bis zum 1. April sind sechs Veranstaltungen geplant. So kommen zu den Themen "Leben schützen" Polizisten, "Leben retten" Notärzte und Sanitäter und "Leben ausatmen" Mitarbeiter eines Sterbehospizes.
Berliner Morgenpost, erschienen am 16. Februar 2007 

Kunstpaten gesucht

Wie ein Förderverein ideenreich Geld für Restaurierungen sammeln kann

Von Sven Scherz-Schade 

Das Porträt des Grafen Vladislaw von Sparr gibt ein trauriges Bild ab. An dem Ölgemälde von 1668 hat der Zahn der Zeit genagt. Die Farboberflächen sind verschmutzt. Die Malschicht muss gereinigt und konserviert werden. Die Kosten schätzen Fachleute auf 6.000 Euro. Eine überschaubare Summe, die für den Eigentümer des Kunstwerks, die Berliner Kirchengemeinde St. Petri-St. Marien, eigentlich bezahlbar sein müsste, wären da nicht noch über zwei Dutzend weitere Epitaphbilder, Gemälde, Schreine und Totenschilder, die ebenfalls auf Restaurierung warten. „Eine Riesenaufgabe, die wir nur in häppchenweise bewältigen können“, sagt Alexander von Knigge vom Förderverein Marienkirche Berlin. Seit diesem Sommer sucht der Förderkreis Privatleute oder Firmen, die für ein einzelnes Kunstwerk eine Patenschaft übernehmen. „Die Idee dazu stammt aus den Zoologischen Gärten“, sagt von Knigge. Spender können dort die Pflege- und Haltungskosten für einzelne Tiere übernehmen. Die Patenschaften sind gestaffelt. Für kleine Nager zahlt man weniger als für Elefanten. Bei den Kunstschätzen in St. Marien ist es ähnlich. „Es geht je nach Restaurierungsaufwand ab 1.000 Euro aufwärts.“ Die großen Epitaphbilder des Historienmalers Bernhard Rode aus dem 18. Jahrhundert „bekommt“ man für etwa 25.000 Euro.

Start für die Patensuche war eine Ausstellung, die der freie Restaurator Andreas Mieth und die Kunsthistorikerin Maria Deiters organisiert hatten. „Die betroffenen Kunstwerke wurden so der Öffentlichkeit vorgestellt“, sagt Andreas Mieth. Die Ausstellung sollte die Dringlichkeit der Restaurierung verdeutlichen. Einige der Kirchenkunstschätze lagerten über Jahrzehnte in provisorischen Depots und haben Wasserschäden. Seit Kriegsende wurden sie nicht mehr gezeigt.

Die Ausstellung lief von Ende August bis vergangene Woche (? 19. Nov.). Doch auch in Zukunft präsentiert der Förderverein jetzt immer ein ‚Kunstwerk des Monats’. Vorne rechts im Kirchenschiff steht derzeit deshalb das Sparr-Porträt auf einer Staffelei. Daneben erklärt ein Schild den geschichtlichen Hintergrund des Gemäldes und die Patenschaftsaktion. Davor der Fürbittenkerzenständer und Bänke, wo sich Besucher häufig zum Gebet setzen. Alles in allem eine prominente Platzierung, die aber nicht aufdringlich ist. „Für diese Gratwanderung braucht man Fingerspitzengefühl“, sagt Christiane Bertelsmann, die sich in St. Marien um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert. Für jedes Kunstwerk gibt es einen Erklärzettel in Postkartengröße. Auf der Zettelrückseite finden Interessierte dann eine Kontaktadresse, die Kontoverbindung und den Hinweis, dass Spendenbescheinigungen erstellt werden.

„In den vergangenen Wochen haben wir vier Patenschaften gefunden“, berichtet von Knigge vom Erfolg der Aktion. Für den Mittelschrein eines kleinen Retabels – eine um 1500 geschaffene, bemalte Holzskulpturengruppe mit Anna Selbdritt, Heiliger Barbara und Heiligem Sebastian – habe sich zum Beispiel eine Firma gefunden, die Audio-Guide-Geräte für Museen herstellt. „Insgesamt haben wir bislang etwa 10.000 Euro zusammen bekommen.“

Eine gute Nachricht. Denn weder aus dem Kirchentopf, noch aus der Kasse des Landes Berlin werden in absehbarer Zeit wieder größere Summen für direkte Restaurierungsarbeit frei. Vorrang haben vorbeugende Maßnahmen. Bei vielen Ölgemälden droht nämlich die Farbe aufzuplatzen oder sie ist bereits aufgerissen. Schuld daran hat unter anderem eine Jahre lange Überheizung des Kirchenraumes. Deshalb finanziert das Landesdenkmalamt nun die neue Heizungsanlage in St. Marien. „Wir brauchen konstante Luftfeuchtigkeit und eine stabile Grundtemperatur von 15 bis 18 Grad im Kirchenraum“, sagt Andreas Mieth. Ansonsten würden die Kunstschätze auf lange Zeit am „Klimastress“ kaputt gehen. Aus den gleichen Gründen ist auch im Vorraum unter dem Turm von St. Marien das berühmte Totentanzfresko hinter Glas. Bei dieser Wandmalerei von 1484 wird momentan nicht im engeren Sinn restauriert. Um die Wände beständig trocken zu halten, zieht eine Anlage über Elektrolyse Salz aus dem Mauerwerk. Der Vorgang dauert noch einige Jahre. Die Farben aus dem Mittelalter werden dadurch gesichert, aber sie werden auch blasser.

"Damit der Totentanz aber nicht im Gedächtnis verblasst", sagt Pfarrer Gregor Hohberg, "hat unser Förderverein die Mosaik-Sammlung initiiert." Auf einer Glasstellwand im Eingangsbereich sind die Figuren des Freskos nachgezeichnet. Besucher und Touristen können für eine Spende von 2,50 Euro ein Mosaiksteinchen aus Plastik auswählen und auf die Glaswand kleben. „Das nehmen diejenigen sehr gerne an, die eben nicht so große Summen geben können“, sagt von Knigge.
Die KIRCHE, erschienen am 18. Februar 2007  

Keines vergessen

Von Alexander Wragge


Am zweiten Sonntag im Dezember wird der verstorbenen Kinder gedacht. Dieser Gedenktag entstand vor zehn Jahren in den USA und wird weltweit begangen. In diesem Jahr beteiligte sich die St.-Marienkirche am Alexanderplatz daran.
Rund hundert Menschen sind gekommen, als Pfarrer Gregor Hohberg den
Gottesdienst für Eltern, Angehörige und Freunde verstorbener Kinder beginnt.
Er beschreibt die Trauer, Verzweiflung und die Sprachlosigkeit, die
einsetzen, wenn ein Kind stirbt. Um Eltern und Angehörige in dieser
Situation nicht allein zu lassen, haben sich verschiedene Initiativen
gegründet.
Zunächst spricht Brigitte Spieker von der „Initiative Regenbogen". Sie ist
für Eltern da, die ein Kind durch Fehlgeburt, Frühgeburt, Totgeburt oder
kurz nach der Geburt verloren haben. Die Selbsthilfegruppe versucht den
Verlust durch Gespräche und den Austausch von Erfahrungen zu verarbeiten.
Danach spricht Anna Vega de Schoen von der Gruppe „Verwaiste Eltern Berlin".
Die Gruppe hilft und begleitet betroffene Eltern. Sie bietet Eltern nach dem
Verlust ihrer Kinder eine erste Hilfe.
Nach den persönlichen bewegenden Reden verliest Pfarrer Gregor Hohberg die Namen verstorbener Kinder. Vor dem Gottesdienst lagen Listen aus, in die man sie eintragen konnte. Alle stehen auf und zünden vor dem Altar Kerzen für die Kinder an. Die Zeremonie ist bedrückend und zugleich ein Zeichen für
Gemeinschaft und Hoffnung. Kein Kind ist vergessen, nicht von Gott und nicht
von den Menschen, lautet die Botschaft.
Die Kirche, erschienen am 17. Dezember 2006

Gottesdienst für Trauernde

Zu einem Gedenkgottesdienst der besonderen Art lädt am kommenden Sonntag die evangelische St.-Marien-Gemeinde am Alexanderplatz ein. Im Mittelpunkt der gemeinsamen Feier stehen Kinder, die in jungen Jahren gestorben sind. Der Termin des 2. Advent ist von den Initiatoren bewusst gewählt worden, da erfahrungsgemäß gerade die Zeit vor Weihnachten für Angehörige besonders schwer sei, heißt es.
So werden vor allem trauernde Eltern, Angehörige und Freunde den Gottesdienst mitgestalten. Eine Mutter wird die Geschichte erzählen, wie sie ihr Kind durch einen Schicksalsschlag verlor. Musikalisch wird Professor Constantin Alex die Feier umrahmen. Nach dem Gottesdienst (Beginn 17 Uhr) werden Kerzen verteilt, die am Sonntag um 19 Uhr entzündet werden sollen. \"Licht der Welt\" lautet diese Aktion, die inzwischen weltweit begangen wird. Neben der Kirche beteiligen sich der Verein \"Verwaiste Eltern\" und die Initiative Regenbogen am Gottesdienstprogramm.
Allein in Deutschland sterben jährlich 20 000 Kinder und Jugendliche durch Krankheit oder Unfall. Zurück bleiben Angehörige und Freunde, die mit der Aktion Trauerbewältigung leisten.
Berliner Morgenpost, erschienen am 8. Dezember 2006

Wenn Politiker ihre Gegner loben sollen

von Ariane Bemmer

Dass Politiker jetzt, im Wahlkampf, aufeinander rumhacken und sich gegenseitig vorwerfen, Probleme zu verkennen oder nie lösen zu können, ist nicht ungewöhnlich. Aber ist es fair? Abgeschmackt? Ist es nicht manches Mal sogar glatt gelogen? Und: Geht das nicht auch anders?

Es geht: Heute Abend stehen vier Politiker unterschiedlicher Parteien vor einer ungewohnten Aufgabe. Sie sollen sagen, was sie an den anderen Parteien gut finden. Und das nicht im Rahmen einer Politdebatte, sondern in der Marienkirche am Alexanderplatz. Im Rahmen eines Gottesdienstes. Titel: „Politiker – Erzfeinde im Wahlkampf“. Teilnehmer: Torsten Hilse von der SPD, Stefan Liebich (Linkspartei/PDS), Gregor Hoffmann (CDU) und Axel Hahn (FDP), die bis auf letzteren alle als Direktkandidat zur Wahl stehen. Zwischen Orgelspiel, Predigt, Fürbitte und Vaterunser sollen sie in drei- bis fünfminütigen Beiträgen je eine andere Partei loben. Dies sei, so sagt Pfarrer Johannes Krug, der „kirchliche Beitrag zu einem fairen Wahlkampf“. Er freut sich besonders auf das, was Liebich über die FDP sagen wird und Hoffmann über die PDS. Der Sozialdemokrat Hilse soll die CDU loben und der FDPler die SPD. Die Grünen seien nicht dabei, weil sie auf die Einladung nicht reagiert hätten, sagt Krug. Ansonsten sei es nicht schwer gewesen, die Kanzel vollzukriegen. Und wenn die Politiker sich nicht an die Spielregeln halten und doch vom Leder ziehen? Man werde den Rednern nicht das Wort abschneiden, sagt Krug, hoffe aber auf diszipliniertes Verhalten. Im Übrigen sage so ein Fehlverhalten auch einiges über den Missetäter.
Nach Ende des Gottesdienstes ist dann noch ein Beisammensein geplant, bei dem Zuhörer sich direkt an die Politiker wenden können – und die wieder aufeinander herumhacken dürfen.
Der Tagesspiegel, erschienen am 27. 08. 2006

Von Kirchen und Küssen

Zum Gottesdienst für Verliebte lädt St. Marien am Alexanderplatz – erotische Exkurse inklusive

Von Ariane Bemmer

Er küsse mich mit Küssen seines Mundes, denn deine Liebe ist köstlicher als Wein. So steht es im Hohelied der Liebe im Alten Testament. Und das ist noch lange nicht alles.
Verliebt sein, das ist ja nicht nur was für junge Leute von heute. Verliebtsein, das gab es schon vor tausenden von Jahren. Auch verliebt sind die zwei Berliner, die schon vor 25 Jahren geheiratet haben.......(mehr)
und sich zur Feier der Silbernen Hochzeit nochmal kirchlich trauen lassen. Das hat es gegeben vor einem Jahr in der Marienkirche. Wie man das hinkriegt, so lange verliebt zu sein, darüber wollen sie beim „Gottesdienst für Verliebte (und alle anderen)“ berichten. Pfarrer Gregor Hohberg,38 Jahre alt und seit zehn Jahren verliebt und verheiratet, hofft, dass es voll wird und lockt mit einem Segen, den Paare für ihre Liebe bekommen können. Außerdem sollen Rosen verteilt werden. Dazu liest Hohberg Texte aus dem Hohelied der Liebe, die einem die Ohren glühen lassen: „Nimm mich jetzt mit dir, mein König, mein Prinz, führe mich zu deinem Palast, damit wir einander genießen.“ So baggert die Verliebte den Begehrten an. Sie ihn. Das ist auch ziemlich modern.
Er sei selber „immer wieder platt“, sagt Hohberg, wenn er in dem Hohelied der Liebe lese. Etwa dies: „Mein Geliebter ist wie ein Bund Myrrhe, das zwischen meinen Brüsten ruht, ein stolzes Bündel Hennablumen, das sich in meinen Weinberg bettet.“ Kirche also mal sinnlich erotisch. Und vorsorglich steht in der Einladung auch gleich: „Küssen erlaubt!“
Außer den sozusagen silbernen Eheleuten berichtet ein Paar aus seinem Liebesleben, das in verschiedenen Städten wohnt, und ein drittes, das muslimisch-christlich gemischt ist. Situationen also, in denen sich gerade Berliner schnell wiederfinden können. Genau das sei auch der Grundgedanke hinter der Gottesdienst-Reihe namens „Lebensstufen“ gewesen, sagt Hohberg: Themen, die jeden angehen. Nach dem Verliebten-Gottesdienst heißt es „Eltern werden“, es folgen Krankheit, Trennung, Fragen zum „immer arbeiten müssen“ oder älter werden, es geht um Sterben und danach um Aufbrüche. Die Marienkirche füllt damit ihre Sonntagabende, die im Semester den Uni-Gottesdiensten gehören, doch jetzt gerade sind Semesterferien. Zum Trennungsgottesdienst haben die Kirchenleute eine Scheidungsanwältin eingeladen, zum Thema Tod sprechen ein Palliativmediziner und eine Pflegerin aus einem Sterbehospiz. Deren Geschichten seien weniger traurig, als man annehmen könnte, sagt Hohberg. Vielmehr handelten sie von Kraft, Liebe und Mut. In der Stadt der Singlehaushalte gibt es viel Platz für Geschichten dieser Art. Oder, wie es im Hohelied heißt: Die Liebe ist süß, sie schmeckt nach mehr.
Der Tagesspiegel, erschienen 15.02. 2006

Pfarrer sucht Verliebte

Kribbeln im Bauch, feuchte Hände: wer darunter leidet (oder es genießt), ist am 19. Februar richtig in der Marienkirche (Mitte). Da gibt es einen speziellen Gottesdienst für Verliebte......(mehr)
„Lebensstufen“, so heißt die damit beginnende Predigt-Reihe. Bis zum 9. April geht es jeden Sonntag ab 18.30 Uhr um Themen wie „Eltern werden“, „Krank sein“ und „Sterben“. Im Schatten des Fernsehturms in der Karl-Liebknecht-Straße 8 sorgen die Pfarrer Gregor Hohberg (37) und Johannes Krug (36) für frischen Wind. „Verliebt sein ist so schön, das wollen wir feiern“, sagt Pfarrer Hohberg. „Das Gefühl muss doch gewürdigt werden.“
Eine rote Rose und ein Segen erwarten die Verliebten. „Ob 14 oder 90 Jahre alt, alle Pärchen, auch die längst Verheirateten sind uns willkommen.“
Wer möchte, kann sich zum Vorabgespräch bei Pfarrer Hohberg melden: Tel. 23 45 74 55. Er selbst ist schon lange verliebt. „In meine Ehefrau“, strahlt der Mann Gottes. Und weiß: „Das macht glücklich und gibt Kraft.“
Berliner Kurier, erschienen am 6. 010.2006

Glaubenssache

Die Marienkirche zieht immer mehr Menschen an. Bei den Ideen der beiden Pfarrer ist das kein Wunder

Von Claudia Keller

Über 4000 Menschen drängten sich an Heiligabend in der Marienkirche in Mitte, 900 mehr als im Jahr zuvor. Was ist das für eine Kirche, die von Jahr zu Jahr mehr Menschen anzieht, nicht nur zu Weihnachten? Sicher, das mittelalterliche Gebäude ist in allen Touristenführern verzeichnet, und es ist zugleich die Predigtkirche von Landesbischof Wolfgang Huber. Aber das alleine ist es nicht. .

Das Schöne ist, sagt eine junge Frau, dass man sich hier nie einsam fühlt, auch nicht an einem Sonntag, wenn vielleicht nur 80 Leute den Worten des Pfarrers lauschen. Das liege an den Kirchenbänken. Die Hälfte steht quer mit Blick zum Altar, die andere Hälfte längs mit Blick auf die Querreihen. So dass die Längs-Sitzer auf die Quer-Sitzer schauen und die Quer-Sitzer sich von links beobachtet wissen und alle sich wie eine Gemeinschaft fühlen, die zusammensitzt und nicht jeder für sich, hintereinander, wie sonst. Dass die Bänke so stehen, liegt daran, dass irgendwann die Kanzel einen anderen Platz bekam, aber nur die Hälfte der Bänke mitumgesetzt wurden.
Es könnte aber auch eine der vielen Ideen der beiden jungen Pfarrer sein, die die Gläubigen so anziehen. Sie wollen über die übliche Gemeindearbeit – Sonntagsgottesdienste, Hochzeiten und Taufen, Suppenküche und Seniorenkreis, Krankenhaus- und Gefängnisbesuche – Menschen aus der ganzen Stadt hierher locken. Zum Beispiel mit den Jobmessen-Gottesdiensten sonntagabends, zu denen sie Studenten eingeladen haben und Leute, die im Beruf stehen, damit die sich beim Empfang nachher kennen lernen. Oder die Predigtreihe zu den „verlorenen Wörtern“. Ab Februar wird es Gottesdienste zu „Lebensstufen“ geben, etwa zum Verliebtsein. Dafür suchen sie frisch verliebte Paare.
Mit solchen Ideen schaffen es Pfarrer Gregor Hohberg und Pfarrer Johannes Krug, 37 und 36 Jahre alt, dass St. Marien im Schatten des Fernsehturms wächst wie ein Organismus, wie ein Körper, der immer neue Arme bildet, die sich weit in die Stadt hinein ausbreiten. Zu den 1700 Gemeindemitgliedern kamen dieses Jahr 250 neue dazu, vergangenes Jahr waren es 190. Damit die neuen auch wissen, wo sie nun hingehören, werden sie von den Pfarrern persönlich begrüßt und zu einer kleinen Stadtführung eingeladen. Es sind viele Protestanten aus Westdeutschland darunter, die nach Mitte ziehen, wo es schick ist, meist Singles zwischen 30 und 45 Jahren. Dazu kommen die, die aus anderen Berliner Gemeinden hierher wechseln. „Die Dinge, um die es uns hier geht, werden wieder wichtiger“, sagt Hohberg. Menschen merkten, dass etwas fehle in ihrem Leben.
Ende des 13. Jahrhunderts, als die Kirche gebaut wurde und Gott noch selbstverständlicher Mittelpunkt im Leben war, mahnte der „Totentanz“ gleich am Eingang der Kirche, wohin die Reise geht. Heute ist die Malerei verblasst, wer das Kunstwerk nicht kennt, geht achtlos vorbei. „Jeder muss irgendwann mit dem Tod tanzen“, sagt Johannes Krug, „egal, wie wichtig er ist, Könige genauso wie Bettler.“
Vor ihm stehen an diesem Wintermorgen Neuntklässler aus einem Gymnasium in Rüdersdorf und hören still zu. Krug hat eine halbe Stunde Zeit, um den Jugendlichen eine Einführung ins Christentum zu geben. Die Kanzel, das Taufbecken, die Gefäße fürs Abendmahl. Dann noch eine Andacht, die Schüler setzen sich um den Altar herum auf den Boden. Ein Junge fragt, ob Gottesdienst immer so ablaufe, so mit auf den Boden setzen.
Die Marienkirche ist nicht nur eine christliche Insel inmitten einer weitgehend atheistischen Landschaft, sie ist auch eine Insel, auf die sich Menschen retten, die nicht mehr weiterwissen. Man merke, dass immer mehr Leute einsam sind und verarmen, sagt Krug, gerade hier, am Alexanderplatz. Denn das Gemeindegebiet erstreckt sich nicht nur nach Westen bis zum Hackeschen Markt, sondern auch nach Osten, wo es nicht schick ist. „Jedesmal, wenn wir durch die Kirche gehen, werden wir von einem verzweifelten Menschen angesprochen“, sagt Hohberg. „Denn von uns erwartet man, dass wir haben, was es immer seltener gibt: Zeit zum Zuhören.“
Im Kirchenschiff hört man jetzt sphärische Klänge, Brummen, Sirren. Der Künstler Michael Muschner hat Bibeltexte von den Pfarrern sprechen lassen und zu einer Klanginstallation verwoben. „Die Kunst“, sagt Johannes Krug, „soll in St. Marien nicht in der Barockzeit aufhören.“ Deshalb wollen sie den Kirchenraum fürs Zeitgenössische öffnen. Die Ehrenamtlichen, die kommen, um den Büchertisch zu betreuen, damit die Kirche jeden Tag mindestens von 10 bis 16 Uhr geöffnet sein kann, gefällt das nicht. Sie engagieren sich, weil sie stolz sind, dass die Kirche so ist, wie sie ist. Und so soll sie bleiben.
Einer droht sogar, nicht mehr kommen zu wollen, wenn die Installation bleibt. Das Brummen erinnert ihn an Bombennächte. Touristen würden sich fragen, ob es eine Baustelle gebe. Krug versucht zu vermitteln, man wird einen Kompromiss finden. Die Installation soll bis kommenden Advent bleiben, vielleicht nicht täglich. Mut machen, trösten und immer Neues ausprobieren, auch wenn Zweifel bleiben, Krug und Hohberg können sich keine schönere Aufgabe vorstellen. Alles andere wäre doch auch langweilig.
Der Tagesspiegel, erschienen am 3. Januar 2006

Zwei Berliner Ur-Gemeinden fusionieren

Vereinigungsgottesdienst in der St. Marienkirche am Alexanderplatz

Von Gunda Bartels

Der Fernsehturm hüllt sein Haupt in Nebel, als sich zu seinem Fuße zwei evangelische Gemeinden aufmachen, dem ehrwürdigen Leuchtturm der Evangeliumsverkündung am Alexanderplatz – St. Marien – zu neuer, größerer Strahlkraft zu verhelfen. Mit einem Festgottesdienst feiern St. Petri-Luisenstadt und St. Marien, die Urgemeinden der mittelalterlichen Doppelstadt Berlin und Cölln, am Sonntag ihre Fusion... (mehr)
„Die Anfänge des Kirche-Seins in Berlin finden hier zusammen“, sagt Superintendent Lothar Wittkopf, „das ist ein hohes Gut für das kulturelle Gedächtnis der Stadt und eine starke Glaubenskraft“.

An die 1285 erstmals urkundlich erwähnte Petrikirche auf der Fischerinsel erinnert nur noch der Petriplatz. Ein Parkplatz mit Infotafel, über den der Verkehrslärm der Gertraudenstraße schwappt. Die Bombenkriegsruine St. Petri musste in den 60er Jahren der großzügigen Straßenplanung der Hauptstadt der DDR weichen und die Gemeinde zog sich in das Gemeindehaus in der Neuen Grünstraße am Spittelmarkt zurück. Diese Nischenexistenz zu verlassen, ist für einige Gemeindemitglieder schon schmerzhaft, meint Gemeindekirchenratsvorsitzender Dietmar Wauer. Andere begrüßen das aber auch freudig, und er persönlich hofft durch die Fusion mit der City-Kirche St. Marien auf reicheres und lebendigeres Gemeindeleben. Eingekeilt zwischen Platte und Neubau ist die Hinterhofgemeinde samt ihrem Kindergarten schon optisch das Gegenteil von St. Marien, die einen Kilometer entfernt auf dem Alex wie auf dem Präsentierteller liegt und als imposante bischöfliche Predigtkirche Touristen aus aller Welt anzieht. Urkundlich erwähnt wurde sie allerdings erst 1294 und mit knapp 1700 Gemeindegliedern hat sie kaum mehr als St. Petri.

„Wichtiger als das, was jede Gemeinde an Geschichte, Gebäuden und Arbeitsstellen mitbringt, ist, ob sich viele in der Gemeinde neu ihrer Berufung stellen und ihr in der chancenreichen aber auch gefährdeten Mitte Berlins ein neues Gesicht geben“, sagt Prediger Lothar Wittkopf. Das fordert in der Bibel auch der Apostel Paulus von den Korinthern. Christen sollen nicht untätig bleiben, sondern jeder für sich soll das Seine tun: danken, loben, helfen, stärken, trösten, lieben. „Schwestern und Brüder, seht auf Eure Berufung.“ In Berlins zernarbter, historischer Mitte heißt das, die Kräfte zu bündeln, um in der atemlosen, säkularen Großstadt einen Ort des Dankes und der Feier zu bewahren. Wie seit Jahrhunderten.
Der Tagesspiegel, erschienen am 9. Januar 2006

Mosaiksteinchen retten Kunstschätze

Spendenaktion in der Marienkirche brachte bisher 35 000 Euro

Von Uwe Aulich

MITTE. Ungewöhnliche Töne empfangen derzeit die Besucher der Marienkirche. Aus versteckten Lautsprechern meint man, sphärische Klänge zu hören. Oft brummt es, erst hoch, dann lang gezogen tief. Bis zum 1. Advent 2006 wird die Klanginstallation zu hören sein. Es sind Wochensprüche aus der Bibel, gelesen von den beiden Pfarrern Gregor Hohberg und Johannes Krug ...(mehr)
. Ein Komponist hat die Sprache am Computer in Töne verwandelt. „Junge Leute hören interessiert zu, Ältere fühlen sich an Flieger erinnert“ sagt Hohberg. Da gebe es Diskussionen.
Diskutiert wird derzeit in der Gemeinde auch, wie die Sanierung der Marienkirche weitergeht. „Wir sind optimistisch, dass wir im kommenden Jahr die Heizung erneuern können“, sagt Hohberg. Mindestens 350 000 Euro werden dafür benötigt. Mit der Heizung soll im Kirchenschiff eine konstante Temperatur erreicht werden. Die ist Voraussetzung, damit die mehr als hundert Kunstwerke und Gemälde nicht weiter verfallen.
Um den Erhalt der gut 500 Jahre alten Kunstsammlung kümmert sich seit 2002 der Förderverein der Marienkirche. Vor eineinhalb Jahren startete er eine Spendenaktion: Am Eingang des Gotteshauses wurde eine sechs Meter lange Glaswand aufgestellt - das Totentanz-Mosaik. Besucher können aus insgesamt rund 75 000 bunten Mosaiksteinchen einen Abschnitt der Wandmalerei „Berliner Totentanz“ aus dem 15. Jahrhundert nachbilden. Jedes Mosaiksteinchen kostet 2,50 Euro. Das Mosaik von Jesus am Kreuz ist bereits komplett, auch Maria, nur an Josephs Umhang fehlen ein paar rote Steine. Die anderen Figuren wie Papst, Kardinal, Kaiserin und Kaiser und immer wieder der Tod sind noch unvollendet. „Jeder Stein dient direkt der Rettung von Kulturgut“, sagt Pfarrer Krug.
35 000 Euro hat der Förderverein durch das Mosaik schon eingenommen. Jüngster Erfolg: Ein hölzernes Altarrelief aus dem 15. Jahrhundert wurde restauriert, die Weihnachtsszene ist im Altarraum aufgestellt. „Das Relief war ganz schwarz. Mit den wenigen Farbspuren, die man gefunden hat, konnte die ursprüngliche Bemalung wieder hergestellt werden“, sagt Hohberg. Weitere sechs Gemälde seien restauriert worden. Um die übrigen Gemälde zu retten - durch die starken Temperaturschwankungen bricht die Ölfarbe und droht abzubröckeln - sind mehrere 100 000 Euro nötig.
Berliner Zeitung, erschienen am 23. Dezember 2005

Gregor Hohberg rettet verlorene Wörter

Wörter können zu Waffen werden, sie können töten und vergiften. Victor Klemperer hat 1946 in seinem berühmten Buch „LTI“ eine Vielzahl von Wörtern, die die Nazis gebraucht haben, analysiert, um sie im Vergessen zu begraben....(mehr)
„Es gibt aber auch Wörter, die zu vergessen man sich hüten sollte“, schreibt Gregor Hohberg, einer der beiden Pfarrer der Marienkirche am Alexanderplatz, in der Ankündigung der neuen Abendgottesdienstreihe. „Die Welt wäre ärmer ohne diese Wörter und ohne die Phänomene, auf die sie verweisen.“ Etwa ohne „Scham“, „Paradies“ oder „Jungfrau“. In den „Gottesdiensten der verlorenen Wörter“ werden junge Pfarrerinnen und Pfarrer ab kommendem Sonntag den Bedeutungen dieser Wörter nachspüren und sie in unsere Zeit zu retten versuchen. Den Anfang macht Rajah Scheepers mit einem Gottesdienst zur „Buße“. Im Anschluss lädt die Gemeinde zu einem Empfang, „auf dem über Wörter, ihre Musik und viele mehr geredet werden kann“, so Gregor Hohberg.
Der Tagesspiegel, erschienen am 14. Juli 2005

Vor 40 Jahren predigte Martin Luther King in Berlin - Erinnerungen der Mariengemeinde

Von Rainer L. Hein

An jenem 13. September vor 40 Jahren war besonders im Ostteil Berlins alles anders. Die Stimmung an diesem Sonntag war eine Mischung aus Spannung, Freude und Neugierde. Der amerikanische Friedenspfarrer Martin Luther King (damals 31 Jahre alt) war gekommen, um abends von der Kanzel der Marienkirche in Mitte zu predigen...(mehr)
. Stunden zuvor hatten sich in der Waldbühne im Westen der Stadt zum „Tag der Kirche“ mehr als 22 000 Menschen versammelt, um Luther King zu hören. Heute und morgen erinnert die St. Mariengemeinde (Karl-Liebknecht-Straße) an den Besuch.
Auf Einladung des damaligen Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Willy Brandt, war Martin Luther King - wenige Wochen, bevor er den Friedensnobelpreis entgegennahm - in die geteilte Stadt gekommen. Nachdem er sich ins Goldene Buch im Rathaus Schöneberg eingetragen hatte, nahm der 1968 erschossene Baptistenpfarrer aus Atlanta/Georgia an einer Gedenkfeier für den ermordeten US-Präsidenten Kennedy teil. Nach dem Auftritt in der Waldbühne mit dem evangelischen Bischof Otto Dibelius folgte an jenem Sonntag die Fahrt in den Osten der Stadt. Schon drei Stunden vor dem Gottesdienst musste die Marienkirche wegen Überfüllung geschlossen werden. Die Kirchenleitung entschloss sich, die Menschen in die nahe gelegene Sophienkirche (Hackescher Markt) umzuleiten, wo Luther King später einen zweiten Gottesdienst hielt. Zeitzeugin Klara Runge (76) berichtet: „Als er die Kanzel emporstieg, applaudierten alle.“
Sie erinnert sich, dass Luther King rief: „in Ost und West leben Menschen, und keine von Menschenhand geschaffene Mauer kann sie für immer trennen.“
Die WELT, erschienen am 11. September 2004

 St. Marien - die älteste Kirche Berlins

Entdeckungstour im Schatten des Fernsehturms - Wertvolle Kunst und spannende Baudetails aus der Frühzeit Berlins


Von Brigitte Schmiemann

Berlin - Sie ist alt: Mit mehr als 700 Jahren ist die St. Marienkirche Berlins ältestes noch erhaltenes Gotteshaus. St. Nikolai ist zwar früher errichtet worden, wurde aber im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die Bauarbeiten für die St. Marienkirche hatten um 1270 begonnen. Bis vor dem Krieg stand das Gotteshaus inmitten von Häusern, heute liegt es - fast verborgen in der Grünanlage - einsam im Schatten des Fernsehturms.

 Die Predigtkirche von Bischof Huber beherbergt wertvolle Kunstschätze und wird doch oft übersehen. Zu Unrecht. Der frühgotische Hallenbau ist einer der interessantesten Sakralbauten der Stadt. Das Kirchenschiff ruht auf zwölf 16 Meter hohen Pfeilern. "Sie symbolisieren die zwölf Apostel. So wie in einer gotischen Kirche überhaupt alle Details der Architektur theologische Grundgedanken widerspiegeln", weiß Roland Stolte. Der theologische Referent von St. Marien hat auch eine Erklärung dafür, warum die eine Hälfte der Sitzbänke in dem länglichen Kirchenschiff nach vorn zum Altar ausgerichtet ist und die andere Hälfte quersteht. "Die Kanzel befand sich ursprünglich nicht seitlich vor dem Altarbereich, sondern von 1703 bis 1950 weiter vorn Richtung Haupteingang. Auf der linken Seite hat man die 100 Jahre alten Sitze gedreht und auf der rechten Seite die alte Sitzordnung beibehalten."

 Auch die wertvolle Kunstsammlung lohnt einen Besuch. Da St. Marien im Gegensatz zur Nikolai-, Garnison- und Klosterkirche den Zweiten Weltkrieg relativ unbeschadet überstand, fanden dort die im Heizungskeller der alten Münzprägerei am Molkenmarkt ausgelagerten Werke der Innenstadtkirchen eine neue Heimstatt. Steinreliefs, Epitaphien und Gemälde - ein Querschnitt Berliner Kunst vom 15. bis 19. Jahrhundert ist zu bewundern.

 Das berühmteste Werk war nicht ausgelagert. Kurz hinter dem Haupteingang ist es zu sehen, allerdings nur durch einen Glasgang, der vor zehn Jahren aus Klimaschutzgründen gebaut wurde. Es handelt sich um den 22 Meter langen auf die Mauerwand gemalten "Totentanz". Der Tod ist im Dialog mit den Standesvertretern der Gesellschaft abgebildet. Die Motive in Pastelltönen sind teilweise allerdings nur noch zu erahnen. Wie bei einem Tanzreigen nimmt der Tod die Hand des Küsters, des Dekans, des Mönchs bis hin zum Papst, um zu zeigen, daß deren Zeit abgelaufen ist. "Der Totentanz entstand vermutlich 1485 in der Turmhalle. Dabei handelt sich um den einzig noch erhaltenen Totentanz im nordeuropäischen Raum und bei den niederdeutschen Versen um die älteste Dichtung, die in Berlin bekannt ist", erläutert Stolte. Die übermalten Schichten seien in den letzten Jahren abgenommen worden. Nicht nur das: Mit einem elektrochemischen Verfahren sind von 1989 bis 2003 sage und schreibe 46 Kilo Salz aus dem Mauerwerk geholt worden.


 Über Jahrhunderte waren wegen der fehlenden städtischen Entwässerung durch Fäkalien Salze ins Mauerwerk eingedrungen. Doch mit den unter dem Kunstwerk verlegten Stromkreisen - das Salz sammelt sich an Dioden - werde man jetzt der Feuchtigkeit Herr. Die Restauratoren gaben Entwarnung. Es blättere keine Farbe mehr ab.


 Besucher können die konservatorischen Arbeiten durch eine Spende unterstützen. Der Förderverein hat Teile des Totentanzes auf Glas aufgemalt und mit Zahlen versehen. Mit bunten Mosaiksteinen aus Venedig vervollkommnen die Kirchenbesucher seit einem Jahr das Werk. Ein Steinchen kostet 2,50 Euro. Weil die Marienkirche immer eine Bürgerkirche war - im Gegensatz zu einer Hof- oder Klosterkirche - gibt es zahlreiche Grabmale, mit denen sich Gemeindemitglieder in früheren Zeiten einen dauerhaften Platz in der Kirche schufen.

DIE WELT; erschienen am 8 August 2005

Promis starten Spendenaktion für die Marienkirche

„Wer mit Fehler ist, der klebe den ersten Stein“ Sandra Maischberger zitierte gestern in der Marienkirche Jesus Christus ziemlich frei, als sie den ersten weißen Mosaikstein auf die Glasplatte am Eingang klebte. Damit eröffnete sie zusammen mit Alfred Biolek und dem Chef der Senatskanzlei, André Schmitz, eine Spendenaktion für eine der ältesten Kirchen Berlins.


Ab sofort werden an Besucher Steine aus Murano-Glas verkauft. Die Stücke kosten je 2,50 Euro und können auf zwei je sechs Meter lange Glasplatten eigenhändig geklebt werden. Auf dem Glas sind die Konturen des Totentanz-Freskos aus St. Marien aufgetragen. Nummerierungen helfen, dass sich das Mosaik am Ende nicht allzu sehr vom Original unterscheidet. Die Malerei aus dem 14. Jahrhundert befindet sich in der nördlichen Turmhalle. Wer tiefer in den Geldbeutel greift, kann ganze Stücke des Original-Mosaiks finanzieren: Die Steine des Jesus-Kopfes klebt man für 1500 Euro ans Glas, jene seiner Hände und Füße für je 300 Euro. Wenn die letzte Lücke des Mosaiks geschlossen ist, sollten rund 200 000 Euro in der Kasse sein. Das Geld wird für die Konservierung der mehr als 500 Jahre alten Kunstsammlung eingesetzt. „Wir haben 50 Werke, die restauriert werden müssen“sagt Roland Stolte vom Vorstand des Fördervereins Marienkirche. Einer der Schätze ist das Gemälde von Lukas Cranach dem Älteren: Zurzeit hängt es im Chorraum und ist für jedermann zugänglich.
Die Welt, erschienen am 19. März 2004

In St. Marien sind Predigten sprachliche Kunstwerke

 An(ge)dacht –
Von Rolf Schneider

Das Herzstück eines evangelischen Gottesdienstes ist die Predigt. Natürlich gibt es Kanzelreden auch in den anderen Kirchen, wie es sie (oder Vergleichbares) in den anderen Offenbarungsreligionen gibt, doch bei den Katholiken, als Beispiel, sind die Rituale, vom Griff ins Weihwasserbecken bis zum abschließenden Segen, wenigstens ebenso wichtig; manche ihrer Gottesdienstformen beschränken sich auf die Liturgie, unter Verzicht auf die Predigt...(mehr)
Bei den Protestanten ist das kaum möglich. Sie haben sich vom üppigen Sensualismus katholischer Prägung weit gehend verabschiedet, die Calvinisten noch mehr als die Lutheraner, ihr Glaube gründet auf das Wort, ganz im Sinne des Eingangs zum Johannisevangelium; die ausführlichste Form des kirchlichen Wortes aber ist die Predigt.
Ich empfehle, um einen eindrucksvollen evangelischen Gottesdienst zu erleben, die Marienkirche im Bezirk Mitte. Das hat zunächst mit dem Bauwerk zu tun. St. Marien ist das älteste Gotteshaus der Stadt, das noch seinem eigentliche Zwecke dient; nach der inzwischen profanierten Nicolaikirche ist sie das älteste erhaltene Gotteshaus der Stadt. An dem Gebäude haben 800 Jahre Spuren hinterlassen. An dem Haus hat der große Langhans mitgebaut. Noch älter ist der Totentanz, ein eindrucksvolles Fresko; das Schriftband darunter enthält niederdeutsche Verse, die das älteste Literaturdenkmal der Stadt sind.
Wir halten wieder beim Wort. St. Marien ist die protestantische Hauptkirche Berlins, hier predigt, wenn es sich ergibt, der Bischof, und ich kann versichern, dass der amtierende Bischof von Berlin und Brandenburg, Wolfgang Huber, ein vorzüglicher Prediger ist.
Einer seiner Vorgänger war Albrecht Schönherr. Er hat die evangelische Kirche der Region gut durch die glaubensfeindliche DDR gebracht, und eine seiner letzten Predigten hielt er in St. Marien. Es war ein ergreifender Auftritt. Der große weißhaarige Mann sprach kraftvoll im Ton und hinreißend im Wortlaut; Predigten können zu sprachlichen Kunstwerken werden, dass man sie drucken möchte, manche wurden gedruckt, und Schönherrs Predigt war ein sprachliches Kunstwerk. Der Geist dieser Tradition blieb St. Marien erhalten.
Berliner Morgenpost, erschienen am 20. Juli 2002