Evangelische Kirchengemeinde St. Petri - St. Marien

Brief unserer Gemeinde an den Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung
Carsten Spallek

Sehr geehrter Herr Bezirksstadtrat Spallek,

schon seit mehreren Wochen verfolgen wir die Debatte um die geplante "Körperwelten"-Ausstellung Gunther von Hagens´ in einem der Pavillons am Fuß des Fernsehturms.

Als Bürgerinnen und Bürger Berlins und Menschen mit einer klaren religiösen Überzeugung stellen wir, der Gemeindekirchenrat der Kirchengemeinde St.Petri-St. Marien, uns entschieden gegen dieses Vorhaben und bitten Sie, Ihre Entscheidung zu überdenken und von Ihren Planungen abzusehen.

Wir bitten Sie um Ihre Unterstützung.
Wir lehnen eine Zur-Schau-Stellung toter Menschen ab.
Die historische Mitte Berlins ist lebendiger Begegnungsort der Bürger/-innen Berlins und ihrer Gäste aus der ganzen Welt. Die Bezirksverordnetenversammlung hat zudem beschlossen, den Bedürfnissen und Wünschen von Kindern und Jugendlichen in der Gestaltung des Alexanderplatzes besonders Rechnung zu tragen. In der Zur-Schau-Stellung toter Menschen sehen wir aber gerade eine Gefährdung junger Menschen.

Was an diesem Platz geschieht und stattfindet prägt das Image und das Ansehen Berlins über seine Grenzen hinaus.
Einem durch eine solche Ausstellung geprägten Image stellen wir uns mit folgender Stellungnahme, die zugleich unsere christliche Haltung zum Ausdruck bringt, entgegen:

1. Tote sind keine Handelsware
Die unverfügbare Würde des Menschen besteht über den Tod hinaus.
Die Zur-Schau-Stellung der Toten zeugt von einem pietätlosen Umgang mit den Toten. Auf diese Weise werden sie zu Gegenständen und Ausstellungsstücken.
Unter dem Vorwand medizinischer Aufklärung und Wissensvermittlung werden einem zahlenden Publikum präparierte Leichenteile präsentiert.

2. Gegen grenzenlosen Körperkult
Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist wichtig. Doch tiefergehende Antworten auf die Fragen nach Tod und Sterben bleibt die Ausstellung schuldig.
Die „Körperwelten“-Ausstellung vermittelt die Illusion, dass der Mensch durch Plastination „verewigt“, vor dem Verfall bewahrt und zur Schau gestellt werden kann.
Wir halten daran fest, dass alles irdische Leben begrenzt ist. Darum gibt die Art des Umgangs mit den Toten immer auch Auskunft darüber, welche Hoffnung uns über den Tod hinaus leitet.

3. Gebt den Toten Ruhe!
Wenn ein geliebter Mensch gestorben ist, trauern wir. Das Ritual von Trauerfeier und Bestattung hilft dabei, diese Erfahrung zu verarbeiten. Das wissen Pfarrer/-innen und Bestatter/-innen aus jahrhundertelanger Erfahrung.
Der Umgang mit dem verstorbenen Menschen ist durch Würde gekennzeichnet.
Dies bezieht den Körper des Toten auf jeden Fall mit ein. Niemals ist er eine bloße Sache, wie es die Zur-Schau-Stellung der Toten im Rahmen der Ausstellung suggeriert.

Wir bitten Sie daher nochmals, Ihre Entscheidung zu überdenken und von Ihren Planungen abzusehen.

Nachbarschaftlich und herzlich grüßt Sie
der Gemeindekirchenrat der Evangelischen Kirchengemeinde St.Petri–St.Marien

Dr. Katharina Steer-Beck, Vorsitzende
Beate Dirschauer, Pfarrerin


Stellungnahme des Kirchenkreises Berlin Stadtmitte
Zum geplanten „Körperwelten-Museum“ des Plastinators Gunther von Hagens
im Sockel des Fernsehturms am Alexanderplatz in Berlin-Mitte

1. Tote sind keine Ausstellungsstücke
Jeder Mensch besitzt eine unveräußerliche Würde – auch über den Tod hinaus. Daher lehnen wir eine öffentliche Zur-Schau-Stellung toter Menschen, die diese zu Gegenständen und Ausstellungsstücken machen, ab.

2. Für Aufklärung, gegen Voyeurismus
Unter dem Vorwand medizinischer Aufklärung und Wissensvermittlung werden einem zahlenden Publikum präparierte Leichenteile präsentiert. Die Inszenierung von Verstorbenen in einer Ausstellung befriedigt höchstens den Voyeurismus von Noch-Lebenden. Anatomische Erkenntnis wird an anderen Orten erworben.

3. Abschiednehmen in Würde
Die Begegnung und der Umgang mit Verstorbenen ist etwas Intimes und sollte deshalb der direkten Konfrontation in einer öffentlichen Zur-Schau-Stellung entzogen bleiben. Eine würdevolle Form der Auseinandersetzung mit Sterben und Tod geschieht aus einer Haltung der Ehrfurcht vor verstorbenen Menschen in einem geschützten Raum.

4. Keine Leistungsschau nach dem Tod
Nach unserem Tod müssen wir auf Erden nichts mehr leisten – auch nicht als Plastinat in einer Ausstellung. Die „Körperwelten“-Ausstellung vermittelt demgegenüber die Illusion, dass der Mensch durch Plastination „verewigt“ werden könnte: Mit den Toten wird inszeniert, was im Leben unerfüllt blieb.

5. Den Toten Ruhe geben
Wenn ein geliebter Mensch gestorben ist, trauern wir. Das Ritual von Trauerfeier und Bestattung hilft dabei, den Verlust zu verarbeiten – das wissen wir aus jahrhundertelanger Erfahrung. Daher stehen wir für eine würdige Bestattung auf einem Friedhof ein: die Toten bleiben der Verfügung der Noch-Lebenden entzogen.

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ (Psalm 90, 12)