Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. (Lukas 22,32) Evangelische Kirchengemeinde St. Petri - St. Marien

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Veranstaltungsreihe zum Reformationsjubiläum 2016–2017 in St. Marien

Reformation(en) – Aufbrüche in der Mitte der Stadt. Beiträge als Dialog zwischen Theologie und Kunst


Die Pfarrkirchen St. Marien und St. Nikolai waren prägende Orte der Reformation in Berlin. Über die Jahrhunderte hinweg gaben sie der lebendigen Auseinandersetzung mit den Ideen und Werten der Reformation Raum. Heute ist die St. Marienkirche die einzige Kirche im Herzen Berlins, die nicht nur die Reformation am eigenen Gebäude durchlebt hat, sondern Zentrum kirchlichen Lebens geblieben ist.

Mit der Veranstaltungsreihe will die St. Petri-St. Mariengemeinde gemeinsam mit dem Verein Musik aus Berlins historischer Mitte e.V. über die Besonderheiten reformatorischen Denkens und Handelns in Berlins Mitte nachdenken und sie lebendig werden lassen.


Die Entdeckung der Innerlichkeit und die Suche nach dem wahren Christen
Pietismus in Berlin– Propst Philipp Jakob Spener und Johann Kaspar Schade (17. Jahrhundert)
20. April 2017, 19.30 Uhr / Lesung – Musik – Kommentar

Vortrag und Lesung: „Pia Desideria oder herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung“

Mit: Max Landgrebe (Lesung), Dr. Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter der EKD (Vortrag)
Musik: MarienEnsemble mit Werken von Jakob Hintze (Stadtmusiker und -pfeifer von Berlin im 17. Jh.), Musikalische Leitung: Marie-Louise Schneider
Gesamtleitung: Eric Haussmann

Philipp Jakob Speners (1635–1705) Berliner Jahre als Propst an St. Nikolai waren die entscheidenden Jahre für die Durchsetzung der bedeutendsten evangelischen Erneuerungsbewegung seit der Reformation, die den Namen Pietismus erhielt. Spener war der Begründer und das Haupt dieser Bewegung. Im Hinblick auf seine Berliner Zeit hat man ihn den „Patriarchen des Pietismus” genannt: er genoss ein Ansehen wie kein zweiter Theologe nach Luther.

Jacob Hintze (1622-1702), dem Philipp Jacob Spener die Leichpredigt hielt, war von 1659 bis zu seinem Tode Stadtmusiker in Berlin. Er vertonte eine Vielzahl von Kirchenliedern, von welchen sich "Gib dich zufrieden" noch heute im Evangelischen Kirchengesangbuch findet. Die drei geistlichen Konzerte, welche die Lesungen der Texte Speners umrahmen, wurden 2014 neu editiert und sind nun seit mehr als 300 Jahren erstmals wieder an ihrem Entstehungsort zu hören.

Bezugnehmender Gottesdienst: am 23. April 2017 um 10.30 Uhr


Was ist der Mensch – Geist oder Maschine? Aufklärung in Berlin
Propst Johann Joachim Spalding und Julien Offray de La Mettrie (18. Jahrhundert)
11.Mai 2017, 19.30 Uhr / Predigt-Theater

Lesung aus den Kanzelreden Spaldings: André Eisermann
Orgelimprovisationen: Martina Kürschner
Leitung: Cordula Machoni

Im Rahmen der beachtlichen Liste von Kirchenvertretern, welche in Berlin die Neologie, also die Hauptströmung der deutschen Aufklärungstheologie, repräsentierten, genoss Johann Joachim Spalding (1714–1804) unangefochten die höchste Verehrung. In seiner weit über die Kanzel hinaus strahlenden Wirksamkeit verstand er es wie kein anderer, die Glaubensüberlieferung mit modernem Bewusstsein zu verbinden und auf diese Weise lebenspraktisch zu plausibilisieren.
Seine anmutige, unprätentiöse, gänzlich unpolemische und klare Sprache zog selbst Goethe bei dessen einzigem Berlin-Besuch im Jahre 1778 in den Gottesdienst.

Bezugnehmender Gottesdienst: am 14. Mai um 10.30 Uhr


Wie Kirche sein in einer gottlosen Stadt? Berlin im 19. / 20. Jahrhundert
Dietrich Bonhoeffer und der Nationalstolz
8. Juli 2017, 17 Uhr / Workshops

Drei Workshops zu den Themen:
1. Nationalistischer Glaube versus globalisierte Religion – mit Prof. Dr. Christoph Markschies
2. Als ob es Gott nicht gäbe – Bonhoeffers Mensch ohne Gott – mit Dr. Christina-Maria Bammel
3. Glaube und Nationalstolz – Fortschritt in den Untergang? - mit Prof. Dr. Götz Aly
Gesamtleitung: Eric Haußmann

Am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert entwickelte sich Berlin im Rahmen der Reichsgründung von 1871 unter Preußens Vorherrschaft zur Hauptstadt des Deutschen Reiches. Der Geist der Zeit fand seinen Ausdruck in einer fortschrittsgläubigen Lebenseinstellung und im sogenannten Kulturprotestantismus, der die christliche Religion in Einklang mit der allgemeinen Kulturentwicklung zu bringen versuchte.
Nationalismen und Orientierung auf historische Wurzeln zeugen von diesem Prozess, der auch in der Errichtung des Lutherdenkmals auf dem Neuen Markt vor der St.Marienkirche seinen Ausdruck fand.
Zugleich wurde diese Zeit durch Industrialisierung und einen zunehmenden Kontaktabbruch zwischen Kirche und Stadtgesellschaft geprägt, die nach der Katastrophe des 1. Weltkrieges deutlich zutage trat.
Mit der Verschärfung dieser Entwicklung und dem heraufziehenden Nationalsozialismus entwickelte Dietrich Bonhoeffer die Vorstellung von Religion und Kirche in einer gottlosen Welt. Die Kluft zwischen der Mündigkeit des modernen Menschen und der religiösen Deutung des Glaubens wurde zu einem Zentralthema evangelischer Theologie und zugleich zur Grundfrage der Verkündigung sowie des kirchlichen Lebens. Und sie ist es bis heute – bei aller Rede von der Wiederkehr der Religion – geblieben.

Begleitender Gottesdienst: am 9. Juli 2017 um 10.30 Uhr


Neuanfang in Berlin nach 1945
Propst Heinrich Grübers Weihnachtspredigt 1945
7. September 2017 / Filmvorführung und Diskussion

Vorführung des Dokumentarfilms "Die Stunde Null- Berlin im Sommer 1945"
Diskussion: Das Büro Grüber – Flüchtlingspolitik in Berlin damals und heute
Mitwirkende: Dr. Hartmut Ludwig, Historiker
Leitung: Roland Stolte

Während die Nikolaikirche im 2. Weltkrieg schwer beschädigt wurde und nach Kriegsende als Ruine unbenutzbar blieb, überstand die Marienkirche wie durch ein Wunder die Bombenangriffe und die Kämpfe in Berlin. Nach einigen notdürftigen Reparaturen konnte sie schon 1945 wieder gottesdienstlich genutzt werden.
Mit Heinrich Grüber (1891–1975) wurde ein führender Kopf der Bekennenden Kirche Propst an St. Marien. Der Aufbau der Kirche im zerstörten Berlin unter der sowjetischen Militäradministration, die Arbeit dann als Bevollmächtigter der Kirche bei der DDR-Regierung und zugleich die Tätigkeit als Propst und Gemeindepfarrer an Marien – einen Aufbruch in schwierigen Zeiten galt es zu bewältigen.

Bezugnehmender Gottesdienst am 10.9.2017 in St. Marien


Wozu noch Religion? – die öffentliche Relevanz von Theologie und Kirche in der Gegenwart: Happy hour? Give peace a chance!
10. September 2017 / Panökumenisches Friedensgebet auf dem Petriplatz

Mitwirkende: Vertreter der drei Religionsgemeinschaften des House of One

Aufgrund von Kriegen und Gewaltaufbrüchen, die in unterschiedlicher Weise religiös konnotiert werden, entsteht in Teilen der Gesellschaft der Eindruck, Religionen seien per se gefährlich.
Während einige gesellschaftliche Gruppen deshalb über die Verdrängung der Religionen aus der Öffentlichkeit bis hin zu ihrer Abschaffung nachdenken, hat die St.Petri-St.Marien-Gemeinde den entgegengesetzten Weg eingeschlagen. Seit fünf Jahren treibt sie das Projekt House of One voran.
Mitten in Berlin, und damit sehr bewusst im Herzen des repräsentativ-historischen Erbes und zugleich in der Mitte der Gesellschaft unseres Landes, hat die Gemeinde zusammen mit Partnergemeinden aus Judentum und Islam die Idee eines neuartigen Sakralgebäudes entwickelt und entfaltet.
Unter einem Dach wird es im House of One eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee geben, und in ihrer Mitte einen zentralen Raum der Begegnung, offen für alle. An einem eminent öffentlichen Ort wird ein hochbrisantes Thema aufgegriffen und mit einem positiven Beispiel gelebter Religion verknüpft. Offensiv stehen die Beteiligten zu ihren religiösen Traditionen und schöpfen aus ihnen die Kraft für ein gutes friedensförderndes Miteinander Menschen unterschiedlichen Glaubens und Herkunft.


Wider die babylonische Gefangenschaft der eingeweihten Kreise
Gottesdienste in nichtkirchlicher Öffentlichkeit

20. und 31. Oktober 2017 / Gottesdienst

in Kooperation mit dem FEZ Berlin (Kinder- und Jugendzentrum) und dem Young House of One sowie dem Maxim-Gorki-Theater
Konzept: Gregor Hohberg
Musik: Neuer Interliturgischer Chor, MarienVokalconsort, Marie-Louise Schneider


Die Veranstaltungsreihe findet statt im Rahmen der Kampagne Luther 2017. Sie wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages, von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, vom Musik aus Berlins historischer Mitte e.V. und vom Chorverband Berlin.
Medienpartner: Die Kirche, Kulturradio vom rbb



Rückblick

„Welche Schauspiele und Beispiele des Zorns und der Barmherzigkeit haben wir gesehen…“ Die Reformationszeit in dem Briefwechsel des Reformators Philipp Melanchthon mit dem Berliner Propst Georg Buchholzer
4. November 2016, 19.30 Uhr / Chorkonzert und Lesung

Lesung: Christoph Maria Herbst,
Chor: ARSIS aus Poznan (Polen)
Musikalische Leitung: Karolina Piotrowska-Sobzcak
Konzeption und Moderation: Roland Stolte

Anders als Martin Luther, der Berlin nie betreten hat, besuchte Philipp Melanchthon Berlin mehrfach, um mit den Kurfürsten die Situation der Kirche angesichts der Reformation zu erörtern. Seine Briefwechsel mit Berliner Predigern und Amtsträgern des Hofes veranschaulichen seine Beziehungen zu Berlin eindrücklich.
Propst und damit erster Pfarrer an beiden Pfarrkirchen St. Marien und St. Nikolai Berlin war seit 1539 Georg Buchholzer. Als Student in Wittenberg von Luther und Melanchthon in seiner Theologie geprägt, wurde Buchholzer mit seiner Berufung nach Berlin zu einem der führenden Köpfe der Reformation: er war es, der am 1. November 1539 die erste öffentliche evangelische Predigt im Dom zu Berlin-Cölln im Beisein des Kurfürst Joachim II. Hector hielt, er war es, der in den folgenden Jahren bei der Durchsetzung der Reformation durch Visitationen (ab 1540) und durch die Mitarbeit im Konsistorium (ab 1543) maßgeblich beteiligt war. Der vermittelnden Kirchenpolitik des Kurfürsten Joachim II. stand Buchholzer sehr kritisch gegenüber. Bei der Ordnung der Gottesdienste ging er deshalb eigene Wege: mit der Abfassung eigener Agenden wie der „Ordnung der Meß” und der „Ordnung der Taufe”, die sich stärker an der Sächsischen Kirchenordnung und an Texten Luthers orientieren, hat Buchholzer „in den Gemeinden Berlins das liturgische Zeremoniell im evangelischen Sinn stärker bestimmt als die Kirchenordnung des Kurfürsten.” (Laminski)

Aus seinem Briefwechsel mit Melanchthon liest Christoph Maria Herbst. Dabei geht es natürlich nicht nur um theologische Fragen, sondern auch um persönliche und familiäre Dinge.
Im Wechsel mit den Texten erklingt gregorianische und vorreformatorischer Chormusik des Ensembles ARSIS aus Poznan.

Bezugnehmender Gottesdienst: am 6. November 2016 um 10.30 Uhr


Vortrag von Prof. Heinz Schilling: „Reformation 1517: Luther und seine Mitstreiter“
Einführung zur Uraufführung "FREI UND NIEMAND UNTERTAN"
7. Januar, 16.00 Uhr

Am 21.01.2017 gestaltet die MarienKantorei die Uraufführung der Oratorischen Collage FREI UND NIEMAND UNTERTAN, in deren Mittelpunkt das Leben des Berliner Nikolaikantors und späteren lutherischen Pfarrers Martin Krauß steht. Er gehört zu den vielen Unbekannten, ohne die Luther und die Vordenker der Reformation ihre Ideen nicht so erfolgreich hätten umsetzen können.
In einer Einführungsveranstaltung zu diesem Themenkomplex wird am 07.01.2017, um 16:00 Uhr im Georgensaal des Ev. Kirchenforums Stadtmitte an der Parochialkirche einer der Spezialisten der Lutherforschung, Prof. Heinz Schilling, Autor der Lutherbiographie Martin Luther – Rebell in einer Zeit des Umbruchs", zum Thema „Reformation 1517: Luther und seine Mitstreiter“ sprechen.




FREI UND NIEMAND UNTERTAN
Uraufführung der Oratorischen Collage zum Reformationsjubiläum 2017 für Ensemble, Chor und Solisten
21. Januar 2017, 19.30 Uhr / Konzert

Die Oratorische Collage „FREI UND NIEMAND UNTERTAN“ lässt sich inspirieren vom Bericht des Martin Crusius (1526-1607) über das Leben seines Vaters, des Berliner Nikolai-Kantors und späteren Pfarrers Martin Krauß (um 1490-1554), der hoffnungsvoll ergriffen von der Denkart und den Überzeugungen des Reformators Martin Luthers (1483–1546) war.
Ausgehend vom Nährboden der Reformation schlägt das Stück einen Bogen über Luthers Tod hinaus – bis hin zu den dramatischen Folgen, die die Neuordnung der christlichen Welt nach sich zog. In konkreter Auseinandersetzung mit Martin Crusius, dem Sohn des Martin Krauß’, werden politische Zusammenhänge und soziale Gefüge der damaligen Zeit beleuchtet. Crusius nimmt eine räumlich und zeitlich losgelöste Rolle ein. Als bewusst angelegter Gegenpol zum Vater hinterfragt er unverblümt die Folgen der Reformation für die Gläubigen als Befreiung aus angsterfüllter Frömmigkeit. Der Ideen- und Ratgeber Luther, dem der Pfarrer Martin Krauß in Wittenberg begegnet ist, bleibt als Spiritus Rector im Hintergrund.
In Verbindung zwischen historischen Fakten und Fiktion zeigt das Stück den unbekannten Martin Krauß, der exemplarisch für all diejenigen steht, die im lutherischen Sinn aus tiefer Überzeugung handeln und für ihre Ideale einstehen; die Widerständen trotzen und Haltung zeigen, insbesondere in Zeiten des Umbruchs und des Neubeginns.
Aus diesem Grund knüpft das Stück mit seinem Spannungsbogen über 500 Jahre nahtlos an Fragen und Herausforderungen in der Gegenwart an.

Bei der „Oratorischen Collage“ handelt es sich – wie das Genre „Collage“ verdeutlicht – um ein teilerdachtes Werk. Friktionen (Reibungen) als Kennzeichen von Collagen sowie ein freier und assoziativer Umgang mit Geschichte sind von den Komponisten / Künstlern ausdrücklich beabsichtigt.

Komposition: John Rausek
Libretto: Fredrick Grau, Katrin Morchner, Birgit Wahren

Mit: MarienKantorei, Concertino Berlin, Sopran: Christina Roterberg, Regula Steiner-Tomic: Maria Krauss, Jule Richter: Kurfürstin, Pero Radic: Kurfürst, Bernhard Klampfl: Kaiser Karl V., Franz Christian Meier: (Martin) Crusius, Wolfram Grüsser: (Martin) Krauss, Holger Gläser, Christian Wagner, Bernhard Behr, Christoph Burmester: Die Mächtigen

Regie: Karsten Morschett
Musikalische Leitung: Marie-Louise Schneider

Bezugnehmender Gottesdienst: am 22. Januar 2017 um 10.30 Uhr